Ein Bleistift...

...fiel vom Küchentisch.

(Sorry, German only)

 

Lange war er sich so sicher gewesen.
Tiefe, metallische Schwere war in seinem Innern, seiner Seele.
Sie gab ihm Zentrum, Mitte, Gewicht.
War sein Äußeres auch leicht und vergänglich, so widerstand doch sein Herz selbst Röntgenstrahlung ohne Schaden. Nannten ihn manche zuzeiten hölzern - es konnte ihn nicht treffen:

Er schrieb.

Leidenschaftliche Gedanken, Formeln für ein bess'res Leben, Einkaufslisten - Kaum brachte man ihn mit Papier jedwelcher Beschaffenheit in Berührung, gab es kein Halten mehr.
Es wurden ihm wohl nach vielen Seiten die Linien weicher - der Inhalt verlor niemals seine Schärfe. Er liebte den schwungvollen Strich, der den Fluss der Gedanken direkt in geschriebenes Wort vertanzte - das war ihm der schönste Reigen. Doch auch erste Versuche kleiner Kinderhände konnte er genießen. Ihr Suchen, Straucheln und Mühen ward ihm Verheißung kommend kühner Aufsätze, tiefster Tagebuchgeheimnisse und später vielleicht höchster Literatur. Im unsich’ren Krakel ward ihm bereits Novelle und Roman verborgen.

Doch heute morgen, wo in seliger Erwartung neuer Essenzen er sich noch leicht verträumt am Küchentisch für Zukünft’ges stärkte, plötzlich:

 

“Graphit, nicht Blei, malt diese Linien!”

 

Ihm war es Schock genug, kaum lauscht‘ er noch den Gründen: Gesundheitliche wurden vorgetragen, tiefere Schwärze wurde als maßgeblich erachtet, geringere Kosten und Gewicht nannte man wichtig...

Ihm brach die nun nicht mehr bleiern wie geglaubte Seele.
Erst nur im Fühlen, doch alsbald, nach einigem wildem Rollen ob der nun plötzlich aussichtslosen Zukunft:

Sturz über des Tisches gnadenlose Kante,

kurzer Flug,

sich überschlagende Verzweiflung,

Aufprall,

ein scharfes Knacken,

ein letzter Strich auf den hölzernen Dielen.

Stille.

 

“Na den kannste wegschmeißen, dem iss jetz‘ die Miene jebrochen.”  

 

Copyright: Thomas Maria Helzle 2005

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